Die Diagnose auf Zöliakie bei meiner Tochter war doch ein entscheidender Einschnitt in das allgemeine Familienleben. Nur ein Beispiel: Die strikte glutenfreie Ernährung, die erforderlich ist, konnten zum damaligen Zeitpunkt nur wenige Hotels sicherstellen. Da die Familie aber seit jeher in den Ferien gerne auf Entdeckungstour geht, wurden wir Besitzer eines dieser rollenden Ein-Zimmer-Wohnungen auf Rädern und sind seit Jahren begeisterte Wohnmobillisten. Etwas, dass wir ohne die Erkrankung meiner Tochter sicherlich niemals ernsthaft in Erwägung gezogen hätten.
Warum erzähle ich das? Hinter dieser kleinen Geschichte steht doch eigentlich die Frage, wie viel Einfluss der Zufall auf unser privates und berufliches Leben hat. Und damit die Frage, was dies dann etwa im beruflichen Kontext für Leistung, Erfolg und Karriere bedeutet.
Daniel Kahnemann, der Nobelpreisträger von 2002, vertritt eine sehr interessante Sichtweise zum Thema Erfolg. Nach seiner Aussage ist der Erfolg das Produkt aus Leistung und Glück. Noch mehr Erfolg ist dann das Produkt aus Leistung und noch mehr Glück.
Liest man diese Formel das erste Mal, stutzt man. Sind wir doch in der Regel alle gerne bereit, den Erfolg ausschließlich der eigenen Weitsicht und Leistungsfähigkeit zuzuschreiben, die Misserfolg dann doch eher widrigen Umständen. Nur muss man sich fragen, ob dies wirklich so ist (Interessant ist auch, was diese Erkenntnis für das Thema Führung und den Umgang mit Lob und Tadel oder zum Thema leistungsorientierte Vergütung bedeutet; aber hierauf gehe ich einmal in einem anderen Spickzettel ein).
Natürlich geht es nicht ohne eigene Leistung. Sie ist die Grundlage des Erfolges. Ohne eigene Leistung kann man nicht von Erfolg, sondern eigentlich nur von reinem Glück sprechen.

Auf der anderen Seite gehört neben der Leistung auch das Momentum, dass die Leistungserbringung in das wirklich passende Umfeld fällt. Natürlich kann man viel dafür tun, um Erfolg zu haben, gerade im beruflichen Umfeld. Man kann sein Unternehmen gut aufstellen, kann es attraktiv machen für gute Mitarbeiter, die mit genialen Ideen das Unternehmen weiter voranbringen. Aber trotzdem. Letztendlich ist es vielleicht doch Zufall, dass der oder die MitarbeiterIn mit der genialen Idee, sich für Ihr Unternehmen entschieden hat, wo er oder sie doch vielleicht zwei oder drei gleichwertig gute Unternehmen zur Auswahl hatte. Der Zufall wollte es so, dass er oder sie vielleicht nicht umziehen musste, dass der oder die Lebensgefährte/In sich gerade beruflich verändert hat oder so war es vielleicht auch Zufall, dass er oder sie gerade dieses Jahr mit der Uni fertig geworden ist. Just zu dem Zeitpunkt, als Sie diese interessante Stelle neu besetzen wollten. Wäre der alte Stelleninhaber noch ein halbes oder dreiviertel Jahr länger auf der Stelle geblieben, hätten sie den oder die geniale MitarbeiterIn nie eingestellt.

Aber was heißt diese Erkenntnis für unsere Einstellung gegenüber der Gesellschaft. Wenn wir wissen, dass unser Erfolg nicht allein durch uns und unser Engagement bedingt ist?  Mir erscheint dann zum Beispiel unser Sozialversicherungssystem oder auch unser Steuersystem gleich wieder ein bisschen fairer. Damit, dass die Erfolgreichen etwas mehr dazu beitragen als diejenigen, die vielleicht im entscheidenden Moment nicht so viel Glück hatten.

Und so verteilt sich das Glück des Einzelnen etwas auf die Gesellschaft. Man könnte sagen, unsere staatlichen Systeme sorgen so für einen gewissen „Fehlerausgleich“, sie verringern die Varianz zwischen „Glück“ und „Pech“. Und das nicht nur zwischen Menschen, sondern auch über unterschiedliche Zeitpunkte im Zeitablauf hinweg.

 

Was denken Sie?

Herzliche Grüße

 

Ihr

 

Uwe Machwirth

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